Fragmente der Architektur des Gegenstandlosen

Die Moderne hat sich erschöpft.

Zwar beansprucht sie in der Gegenwart nahezu universelle Geltung, zugleich aber gerät sie immer mehr zum Gefängnis. Aus ihrer Perspektive wird die Welt zum bloßen Gegenstand menschlicher Gestaltung. Das Sein wird objektiviert und zum Rohstoff des menschlichen Geistes, der daraus Werkzeuge, Häuser, Nahrungsmittel, Kulturen und ganze Zivilisationen formt. Je stärker dieses künstlich geschaffene Dasein die materielle Existenz des Menschen abzusichern scheint, desto enger umschließt es das Subjekt. Normiert und standardisiert wird der Mensch selbst zum Gegenstand einer von ihm geschaffenen globalen Maschine, die seinen subjektiven Gehalt zunehmend nivelliert oder zerstört. Umfassende Erkenntnisse über das Sein werden unmöglich, weil die globale Maschine der Moderne nur erfassen kann, was in ihr System integriert und durch sie selbst kontextualisiert ist. Es entsteht eine selbstreferentielle Welt ohne wirkliches Außen und ohne Raum für Neues. Allein in der Verfeinerung des Etablierten und in der fortwährenden Differenzierung des doch immer Gleichen erschöpft sich innerhalb dieser Ordnung die Gestaltungskraft des Menschen.

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Der Siegeszug der Moderne setzte in der Folge der Aufklärung ein, doch das ihr zugrundeliegende abstrakte Denken begleitet den Menschen mindestens seit der neolithischen Revolution. Wesentlich für dieses Denken ist die Trennung von Subjekt und Objekt: Die Welt erscheint als Ansammlung von Dingen, die ihren gegenständlichen Gehalt und ihre Bedeutungen erst durch den menschlichen Betrachter erhalten. Als entzeitlichte Simulakren bilden sie eine dem Sein gegenüber verselbständigte Ebene, in der im Raum der Gedanken Inhalte und Relationen in beliebig neue Kontexte gestellt werden können. Etwa in Sprache oder Mathematik gefasst, bilden diese Kontexte eine eigene, zeichenhafte Ebene, die sich durch Architektur – die in der Moderne zunehmend ihrer Logik folgt – in eine reale Umwelt übersetzen lässt. Vor allem dem geometrischen Bild kommt dabei besondere Bedeutung zu. Seine Ausprägung als perspektivische Darstellung, als scheinbar wirklichkeitsnaher dreidimensionaler Raum im Abbild, fällt nicht zufällig mit dem Beginn der Dominanz des modernen Denkens zusammen. In dieser Bildordnung wird der Mensch zum Maler seiner Geschichte und zum Gestalter seiner Umwelt. Dem einzelnen Subjekt des Künstlers steht die Vielzahl im Sein gegenüber, die er gleichsam auf einer großen Leinwand sinnstiftend und scheinbar schön arrangiert. Seine Position ist dabei eine göttliche: Enthoben schwebt er über den Erscheinungen, die sich überhaupt erst in seinem Blick als Fragmente des Daseins manifestieren.

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Nicht zufällig ist historisch im Modus des abstrakten Denkens die Pyramide das Symbol dieser Herrschaft über das Sein. Sie verkörpert nicht nur eine göttliche Macht über die Welt, sondern zugleich die Perspektive des Menschen auf deren Wahrnehmung und Gestaltung. Vor allem der Renaissancearchitekt Leon Battista Alberti hat dieses Denkmodell im 15. Jahrhundert in der architektonischen Gestaltung besonders klar beschrieben. Für ihn gleicht die menschliche Wahrnehmung einer Pyramide, deren Spitze der Standpunkt des Menschen bildet, während die Welt an ihrer Basis auf diesen zentralen Flucht- und Bezugspunkt hin geordnet wird. Die Wirkung der Architektur liegt nach diesen Vorzeichen sprichwörtlich im Auge des Betrachters, denn erst in seiner Perspektive kontextualisieren sich die Dinge sinnstiftend. Dieses abstrakte Denken, das Loslösen des Betrachters von dem, was er betrachtet, ist zusammen mit der Rasterung eben dieses perspektivischen Bildraums zu einem prägenden Element der Gegenwart geworden. Auch wenn die heutigen Stadträume optisch nicht den idealen Städten der Renaissance entsprechen, entspringt doch ihre Planung demselben Denken. Ebenso ist der Mensch der Moderne nach diesem Denken geformt – als Objekt auf hochgerasterten Monitoren, mit Zeichen arrangiert  – um den vermeintlich fixen Standpunkt zur Welt – das Ich im Meer des Seins – zu festigen.

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Allerdings tritt darin ein Mangel zutage, der die Moderne als solche wesentlich bestimmt. Schon Alberti wies darauf hin, dass in dieser Art des Weltzugangs nur Oberflächen erscheinen. Das vermeintliche Ding wird einzig in jener spezifischen Perspektive fassbar, die es geometrisch, analytisch oder diskursiv beschreibt. Das, was es ist – die Tiefe seines Seins, sein Volumen, sein Gehalt und die Bedeutung seiner Existenz – tritt hinter der abstrakten Zuschreibung an seiner Oberfläche zurück. Da diese Zuschreibung potenziell beliebig ist, verwundert das zunehmende Abgleiten in sinnfreie, vermeintlich schöne Manierismen im modernen Leben der Gegenwart nicht. Die Gestaltung der Welt erstarrt in beliebigen, oberflächlichen Zuschreibungen, weil sie die Tiefe des Seins weder zu gestalten noch auch nur zu erfassen vermag. Architektur, das menschliche Dasein und damit der Mensch selbst gefrieren zu einem Bild, anstatt strukturell im Sein verankert zu sein. Die Moderne hat sich erschöpft, weil in ihren flachen und erstarrten Bild-Räumen nichts grundlegend Neues mehr gedacht werden kann. Aber wie könnte ein kommendes neues menschliches Zeitalter überhaupt aussehen, wenn wir doch alle in den Mustern der Moderne gefangen sind?

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Die Architektur des Gegenstandslosen ist in diesem Sinne das Angebot, neue Denkräume überhaupt erst zu ermöglichen, aus denen heraus eine neue Welt entwickelt werden kann. Ihr Ziel ist es, nicht einfach nur Neues zu schaffen, sondern den Menschen als Subjekt zu umfassenderer Erkenntnis zu befreien und ihn zur Bildung ganzheitlicher Daseinsformen zu befähigen. Ihre umfangreiche Herleitung und Beschreibung findet sich in der Die Ästhetik des Seins und ihr eigentlicher Korpus ist etwas, das erst im Denken zu ihr hin entsteht. Die hier vorgenommenen Segmente und Teilbestimmungen sind dabei subjektive Annäherungen, die aus der künstlerischen Analyse in Series 000 – (…) – Series 012 und on track 001 – (…) – on track 005 entstehen.

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Der Ansatz der Architektur des Gegenstandslosen entspricht dem der Renaissance-Humanisten: ad fontes – zurück zu den Quellen. Sie strebt eine Rückanbindung – eine Religio – an die ursprünglichen Zustände im Sein an, die den Erscheinungen im Abstrakten zugrunde liegen, ohne dabei die Weltzugänge der Moderne zu negieren. Sie ist keine der zahlreichen, sinnlos postulierten Revolutionen, sondern eine neue Ebene der Weltbetrachtung, auf der zwischen Geist und Sein nachvollziehbare Beziehungen entstehen. Die Architektur des Gegenstandslosen geht dabei von einer Auflösung des starren Subjekt-Objekt-Gegensatzes der Moderne aus. Dieser wird verstanden als ein bestimmter Zustand der zielgerichteten Bewegung des Ichs auf einen scheinbaren Gegenstand hin, ist jedoch nicht der „Grundmodus“ des Seins als solchem. Stattdessen werden in der Architektur des Gegenstandslosen Sein und Bewusstsein als gleichartig betrachtet. Die Welt wird somit gegenstandlos, da das scheinbare Gegenüber mit dem Betrachter im Akt der Bewegung zusammenfällt. Das Sein kann dabei begriffen werden als stetiger Strom von Zuständen, die erst in ihrer wechselseitigen Bezogenheit in der Bewusstwerdung manifest werden. Die Welt offenbart sich darin nicht als oberflächlich gegenständliche Welt der Dinge, zu denen sich ein Subjekt positioniert, sondern als eine Welt der Tiefe, in der sich Volumen durchdringen und mit dem Bewusstsein in Wechselwirkung stehen. Die Pyramide als Denkform der Moderne verschwindet dabei nicht, sondern transformiert sich zur permeablen Rahmung einer spezifisch gefassten Daseinsform, die sich mit anderen Positionen zur Welt und ihren Zuständen in einem stetigen Akt der Überlagerung und Wechselwirkung befinden kann.

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Dadurch ist das Material der Architektur des Gegenstandslosen alles, was ist. Auch Geist ist Sein, und Sein ist Bewusstsein. Ob Zustände scheinbar materiell vorliegen oder nur in der Imagination existieren, ist insofern irrelevant, als sie sich in ihrer Wechselwirkung zueinander als ein neuer Zustand im Bewusstsein manifestieren. Die Architektur des Gegenstandslosen gestaltet nicht Formen als gegenständliche Zeichen für etwas, sondern arbeitet mit den Zuständen im bewussten Sein selbst. Sie ist ein Denken in Volumen und ein Arbeiten mit der endlosen Tiefe des Seins. Ihre Erzeugnisse sind nicht Formen und Strukturen, sondern die Verbindung unterschiedlicher Zustände, die sich gegenseitig als regulierende Solids oder Voids beeinflussen. Die Architektur des Gegenstandslosen, dem Sein immanent und transzendent gleichermaßen, lenkt den Fluss der Zustände in ihm und schafft so Zonen der Konvergenz. In diesen Archaī eines möglichen neuen Weltbezugs entsteht durch das spezifische Zusammenwirken der Zustände im Sein Schönheit – eine Schönheit, die keiner starren normativen Dogmatik folgt, sondern im singulären oder gemeinsamen menschlichen Bewusstsein entsteht und sich von dort aus in das Sein und andere Bewusstseinsformen erstreckt. Eine neue Ebene des Denkens, eine neue Ebene des Seins manifestiert sich so als Richtung einer Zukunft, durch die eine neue Welt möglich wird.