Die Welt ist in Bewegung geraten.
Vormals stabil erscheinende Positionen lösen sich in den Strom verflüssigender Weltbilder auf. Konstanten, die uns Menschen als Ankerpunkte im Sein dienten, verflüchtigen sich und hinterlassen ein Chaos, aus dem nur die Illusion eines scheinbar beständigen Ichs als Leuchtturm herausragt.
Als freier Architekt ist mir eine solche Welt nur allzu vertraut. Während die meisten Menschen die gebaute Umwelt oft als statisches, nach ewigen Prinzipien gesichertes Habitat wahrnehmen, offenbart sie sich aus der Perspektive der Entwerfer und Weltenbauer, als Konstrukt. Gebäude, Räume und soziale Strukturen sind keine Artefakte einer ursprünglichen Natur; sie sind Manifestationen mentaler Konzepte die der Mensch kollektiv erzeugt. Als erschaffene Realität wirken sie wiederum auf den Menschen ein und prägen dessen Verständnis von der Welt.
Dieser Kreislauf menschlicher Weltaneignung und -schaffung verläuft jedoch keineswegs harmonisch. Die Welt, die der Mensch sich kollektiv schafft, ist parzelliert in Einzellösungen die an ihren Schnittstellen zueinander scheitern. Mehr noch: Es ist eine Welt, in der sich der Mensch von sich selbst, und dem was seine Natur sein könnte entfremdet. Die zeitgenössische Architektur und Stadtplanung versagt zunehmend an der Auflösung dieses Spannungsverhältnisses. Anstatt ganzheitliche Lösungen zu kreieren, die Mensch und Sein in einen kohärenten Zusammenhang setzen, verliert sich die Profession tendenziell in wirtschaftliche Optimierungsfantasien und selbstreferenzielle Designspielerein. Begrenzt auf einen engen Rahmen strahlt sie nicht sinnstiftend in den gesellschaftlichen Raum hinaus, sondern wird zu einem Gegenstand der außer als Bild für Etwas hinaus nur als Kapitalaggregator über Bedeutungsgehalt verfügt.
In meiner Tätigkeit als Architekt in der Projektentwicklung, fühle ich mich dahingegen einem ganzheitlichen Ansatz verpflichtet. Die Formung des menschlichen Daseins darf nicht begrenzten Partikularperspektiven entspringen, sondern muss potentiell die Gesamtheit der menschlichen Existenzform in eine harmonische Wechselwirkung bringen. Es ist eine Arbeit vor allem auf einer – selbst konzeptionelle Ansätze übersteigenden – Metaebene, die der Begrenzung einer häufig in der Praxis zu beobachtenden „Flucht in das vermeintlich Konkrete“ entgegensteht. Nur zuerst in dieser Sphäre ist eine ideale Verbindung von objektiven Formen und subjektivem Gehalt für Menschen denkbar als ein „Sense of Place“, durch den der Mensch sein Dasein im Sein verorten kann.
Ein wesentlicher Aspekt hierbei ist das, was sich hinter dem Begriff des Bildes verbirgt. Als Modus der menschlichen Weltbildung verbinden sich im Bild sowohl physische als auch mentale Prozesse. Im Kontext der Architektur war es demnach die Frage nach der ästhetischen Verbildlichung – jener Dimension, die als ‚Schönheit‘ rezipiert wird – die mich dazu bewegte, mich der Visualisierung als Profession zuzuwenden. Als Bild- und Filmemacher für noch nicht real existierende Formen und Welten konnte ich dabei tief in die Logik einer globalen visuellen Kultur eintauchen.
In internationalen Projekten, die Pionierarbeit in dem Umgang mit 3D-Simulationen erforderten, stand ich vor der Aufgabe, Atmosphären und Stimmungen der menschlichen Empfindungswelten durch die digitalen Systeme hindurch mit Strukturen zu verschmelzen. Die Synthese von Theorie und Praxis die hierzu nötig war, bildet das Fundament für mein übergeordnetes Verständnis der visuellen Kultur. In der Gegenwart wird diese beherrscht von digitalen Simulationen, die als geschaffene Phänomene zunehmend deckungsgleich mit dem werden, was wir als ursprüngliche Gegebenheiten rezipieren. Die Einblicke wie genau diese ästhetisch und konzeptionell erzeugt werden, konnte ich vor allem in meiner Doktorarbeit anwenden. Anhand der Vereinigten Arabischen Emirate untersuchte ich umfassend, wie aus Vorbildern und Utopien konkrete Räume entstehen, die anschließend wieder als virtuelle Phänomene mit bestimmten Bedeutungen versehen werden. Diese global wirksamen Bilderwelten, die zumeist an den in uns allen verankerten „Traum vom Guten Leben“ appellieren, führten zum einen dazu, dass ich verstand, wie Sinnstiftung im Chaos des Seins durch Medien und Architektur geschaffen wird, ließen aber gleichzeitig die Frage nach dem Manipulationsgehalt dieser simulierten Realitäten aufkommen.
Der Mensch der Gegenwart wird erschlagen von medialen Eindrücken, die unentwegt auf ihn einprasseln und verliert sich zunehmend in den vermeintlich sinnstiftenden Relationen die sich zwischen ihnen ausbilden. Ausgehend von meiner Expertise in der Bildgenese widme ich mich der erkenntnistheoretischen Kernfrage: Was bewirken diese Phänomene im Menschen und durch welche Mechanismen entfalten sie ihre Wirkung?
Als freier Wissenschaftler fühle ich mich dabei rein der Erkenntnis verpflichtet. Dabei verbinde ich die architektonische Fähigkeit zum Perspektivwechsel mit der Analyse komplexer Systemzusammenhänge. Meine Forschungen zur menschlichen Weltbildung führten zu einer umfassenden Theoriebildung, in der die virtuellen Kontexte der Gegenwart als Ebene der Existenz zum ersten Mal beschreibbar und in ihrer Wechselwirkung zueinander analysierbar wurden.
Dabei zeigte sich, dass in der globalen Medienrealität das Sein und das Ich – sozusagen der Mensch, die Welt und das, was er von ihr und sich selbst denkt – in einer Relation der Virtualität zusammenfallen. Als System erzeugt dieses eine geschaffene Welt, die aber in ihrer Künstlichkeit nicht erkannt wird, da die Selbstbilder ihrer Bewohner ihr strukturell entsprechen. Dieses übergeordnete Modell ermöglichte es mir auch, in scheinbar sehr unterschiedlichen Aufgabenfeldern zu wirken, da sie sich auf struktureller Ebene ähneln. Als Berater habe ich durch meine Theorie einen strukturellen Blick auf die unzureichenden Schnittstellen in komplexen Systemen, der über den begrenzten Fach- oder Praxisbezug hinausgeht. Neben einem wirtschaftlichen Nutzen, verdeutlichte mir meine Forschung vor allem aber die Notwendigkeit einer kritischen Perspektive auf die Konstruktion unser aller Wirklichkeit.
Die gegenwärtige globale Realität, die wesentlich von der Digitalisierung bestimmte wird, erzwingt durch diese eine Parzellierung von allem und jedem. Bedeutungen konstituieren sich nicht mehr aus dem Wesen des Objekts oder der Authentizität des Subjekts heraus, sondern werden durch den spezifischen Kontext generiert, der ein Etwas umgibt. Diese Transformation erstreckt sich über die Phänomene der Welt bis tief in das Selbstbild des Menschen. Vereinfacht gesagt gilt nicht mehr „Ich bin, was ich bin“, sondern „Ich möchte gesehen werden als…“. Das Resultat ist eine umfassende Normierung und eine Welt der Zuschreibung, die wesentlich von der Abgrenzung zwischen den Dingen getragen ist. Dahinter verbirgt sich Herrschaft, die sich als ein autopoetischer Akt in komplexeren menschlichen Systemen scheinbar zwangsläufig formiert. Konstituierend für Herrschaft ist der Glaube, dass es ein Außen – also eine neutrale Position der übergeordneten Erkenntnis – gibt, aus der sich unserer Existenz und das unverstandene und brutale Sein in einen logischen Zusammenhang betten lassen.
Aber dieses ist ein großer anthropologischer Irrtum!
Die scheinbar klare Definition von Etwas, wie sie der Digitalisierung zugrunde liegt, ist eine Illusion. Sie kann als scheinbar objektive Definition nur existieren, indem sie das Subjekt und damit einen ganzheitlichen Weltzugang ausblendet. Dabei ist gerade das Subjektive, das für den Anderen Unzugängliche des geistigen und emotionalen Erlebens Teil des Seins und ein konstituierendes Merkmal der Realität. Die gegenwärtige technische Entwicklung, insbesondere die sogenannte Künstliche Intelligenz, ist der gegenwärtig finale Ausdruck dieses Prinzips. Als Ausgeburt eines rein quantitativen Denkens erfasst sie nicht die Ursprünge von Werken, die als subjektive Zustände vorliegen, sondern lediglich die Relationen einer externen Zuschreibung. Die eigentliche Bildung des Selbst, die hinter jedem menschlichen Akt steht, ist ihr fremd. Eine Welt nach diesen Prinzipien geformt, kann nichts anderes sein als ein geistiges Gefängnis, in dem wesentliche Elemente des Seins nicht mehr abgebildet werden können und der Mensch in seinem subjektiven und mentalen Gehalt verschwindet.
Aus der intensiven Auseinandersetzung mit der Genese der menschlichen Zivilisation als solche heraus entstand mein Entwurf einer möglichen Zukunft, die genau diesen subjektiven Nukleus des Menschseins bewahrt. Im Outópos entwickelte ich theoretisch und architektonisch eine Welt, in der der Mensch frei ist. Frei, nicht in der vulgären Variante von etwas, sondern zu etwas. Eine positive Freiheit hin zu einer Entfaltung eines neuen Modus des Denkens und Daseins. Der Ansatz dazu war simpel und ist doch, konsequent verfolgt, revolutionär:
Statt über den Menschen zu denken, vom Menschen aus denken.
Den Menschen nicht als Objekt der Gestaltung, sondern als Subjekt einer Transformation begreifen. Diese bedeutet eine Abkehr sowohl vom Primat des Diskurses, da Worte nur Handlungsanweisungen innerhalb eines bestehenden Kontextes umfassen, als auch von der vermeintlichen Präzision rein quantitativer Weltzugänge. Die hierbei erfolgte Hinwendung zu inneren Zuständen ist allerdings nicht zu verstehen als eine regressive Abwendung von den Techniken und Kulturen unsere Zeit (mit Ausnahme von Social Media).
Alles was ist, ist.
Und auch die scheinbar begrenzten Zugänge zur Welt lassen sich nicht negieren, aber vielleicht transformieren. Vor allem in meiner künstlerischen Arbeit versuche ich daher eine Fusion bestehender Techniken in Theorie und Praxis, um eine neue Ebene des Gegenstandslosen zu erschließen. Diese Sphäre des möglichen subjektiven Seins in einer Verbindung von analogen und digitalen Techniken entzieht sich dem klassischen Werkcharakter und kann sich nur im Menschen selbst, sei es als Rezipient oder Produzent, konstituieren. In meinen Mixed-Media Arbeiten kreiere ich Stile, in denen Schönheit kein Objekt des Kunstmarktes ist, sondern Impuls zu einer subjektiv-mentalen Bildung.
Diese Fokussierung auf die Qualia, den innewohnenden Gehalt von etwas, entgegen der Quanta, prägt auch für meine architektonischen und konzeptionellen Entwürfe. Im bewussten Anachronismus zum Zeitgeist versuche ich den Stillstand des Formalen aufzubrechen. Auch Architektur als Teil der Kunst ist dabei weniger ein Akt des Werkes, als ein sozialer Akt zur Schaffung möglicher individueller und gemeinschaftlicher Formen des Daseins. Auch meine Positionen als Art Director, Manager und Projektleiter unterliegen diesen ästhetischen Prinzipien. Mein schnelles Einarbeiten in Themen und eine Erfassung struktureller Zusammenhänge aus neuen Perspektiven führt hierbei nur im Zusammenhang mit dem Bewusstsein einer qualitativen Ebene, die über die formalen Strukturen hinaus zum Menschen weist, zum Erfolg.
Dieses Selbstverständnis habe ich im Konzept des wandernden Philosophen radikalisiert.
Anstatt die Welt und die Handlungen der Menschen in ihr rein akademisch und analytisch zu beschreiben, strebe ich eine Existenzform an, die unmittelbar in dem aufgeht, worüber sie reflektiert. Einerseits manifestiert sich dies in einer Bandbreite unterschiedlicher Berufsbilder und Rollen, die ich durch mein Konzept der Kontexte stets synergetisch vereinen kann und andererseits in einer konsequenten Freiheit von externen Normen und Definitionen. Der Aspekt des Wanderns bedeutet ein temporäres Eintreten in bestehende Konstrukte – jedoch stets geleitet von einem reinen Erkenntnisinteresse. Das Ziel ist nicht ein instrumenteller Nutzen, sondern durch das Eintauchen in ein Etwas, es seinem Wesen nach, ohne äußere Beeinflussung zu verstehen. Sozusagen das Ding an sich zu begreifen anstatt es als Mittel zum Zweck für etwas anderes zu gebrauchen. Dabei korrespondieren gelebte Realität und abstrakter Gehalt im Moment einer handlungsbasierten Bewusstseinswerdung.
Nur eine Reflexion, die aus dieser Unmittelbarkeit schöpft, kann den Anspruch erheben, valide Lösungen für Mensch und Gesellschaft zu generieren. Der Schlüssel hierzu sind Wahrheit und Kritik. Wahrheit, als absolute Klarheit über innere und äußere Relationen jenseits aller Wunschbilder, Korruption und Manipulation; sowie ehrliche Kritik als unbestechliches Korrektiv gegenüber sich selbst, den anderen und der Sache. Der wandernde Philosoph verharrt so in einer steten Dynamik, ohne sich mit den Kontexten gemein zu machen und ist immer dem reinen Zustand im Sein verpflichtet.
In meiner Interpretation ist dieser Ansatz nicht nur abstrakt zu verstehen, sondern ganzheitlich-körperlich. Anstatt ein Leben in Räumen und den immergleichen menschengemachten Strukturen zu verbringen, ist alles im Fluss. Ein Durchwandern der Welt, bei dem vor allem die ausdauernde Bewegung durch die ursprüngliche Natur die Quelle meiner Schöpfungen ist. Hinzu kommt der Mut, ein Anarch und Pionier zu sein. Nicht dahinzugehen, wo andere bereits gewesen sind, sondern neue Orte zu entdecken und neue Ebenen zu entwickeln und einzunehmen – mit allen Risiken, die damit verbunden sind. Bei allen den Begegnungen, Fähigkeiten und Erkenntnissen, die ich auf diesem Weg machen durfte, kristallisierte sich eine fundamentale Beobachtung heraus:
Es ist nicht wichtig, was wir denken, es ist wichtig, wie wir denken.
Die Welt der Gegenwart ist eine Welt der Gegenständlichkeit. Dinge und Kategorien prägen unser Denken inhaltlich, aber vor allem strukturell. Jenseits der Theorie sehe ich meine Aufgabe darin, Fragmente für eine strukturelle Transformation menschlicher Lebenswelten beizutragen. Dies kann nicht im Objekt erfolgen, sondern erst in der subjektiven Synthese. Tiefere Einblicke in Mensch und Welt ergeben sich erst in einer stetigen Verbesserung von Denken und Kommunizieren, wodurch die Entwicklung von Ideen und Visionen in fast allen Bereichen des menschlichen Daseins möglich wird.
Die Reise des wandernden Philosophen durch die Welt und ihre Themen zielt letztlich darauf ab, mögliche Räume der Existenz zu erfassen. Als Expedition in das Menschsein ist sie der Versuch, eine Symbiose zwischen mentalen Modellen und dem Sein zu formen und in eine neue Architektur des Daseins zu überführen.
In meinem aktuellen Buch widme ich mich genau diesem Thema.
Ich bin gespannt was als Nächstes kommt.
